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Die Entdeckung der Sylt-Lamas. Ein Erlebnisbericht.
Sylt, Deutschlands nördlichste Insel, von ihrer beschaulichen Seite: Weiter blauer Himmel mit eiligen weißen Wattewölkchen, genüßlich dösende Rinder auf sattgrünen Wiesen, graziös stolzierende Lamas, im Hintergrund das silbern glitzernde Wattenmeer. Moment mal...„LAMAS?!“ „Wo?“ fragt die Reisegefährtin und tritt unwillkürlich auf die Bremse. Das hinter ihr fahrende Auto hupt, der Fahrer zieht kopfschütteld vorbei. „Da eben, auf der Weide. Vielleicht hatte ich aber auch nur Halluzinationen, und es waren Ziegen....“ Die nächste Haltebucht wird angefahren, wir steigen aus und traben zurück. Und da stehen sie tatsächlich: drei ausgewachsene Lamas und ein allerliebstes, braun-weißes Fohlen. Sogar die Beobachtung mit den Ziegen erweist sich als richtig. Das offensichtlich noch sehr junge Fohlen versucht gerade mit einer der beiden anzubändeln, doch die Ziege zickt und senkt drohend den – hornlosen – Kopf. Diese rüde Behandlung des Nachwuchses mißfällt wiederum dem stolzen Lama-Papa (dabei ist er nur der Ziehvater, wie wir später erfahren), energisch fauchend verbittet er sich jede weitere Kinderfeindlichkeit. Wir stehen und staunen. Nach dem Ziegen-Schreck verlangt es den weißen Wonneproppen offensichtlich nach einem stärkenden Schluck. Er sucht zwischen den Hinterbeinen seines großen Beschützers nach der mütterlichen Milchquelle. Der Hengst läßt es sich ruhig (mit Behagen?!) gefallen, das Babygesicht taucht nach einiger Zeit enttäuscht, aber um einige anatomische Erfahrungen reicher, wieder auf. Wir stehen entzückt und beschließen, bald wiederzukommen, um Näheres zu erfahren und möglicherweise auch den Besitzer der kleinen Herde zu ermitteln. Uff - wir haben die Sylter Straßenbeschaffenheit unterschätzt! Statt weicher, grasbewachsener Feldwege im Südosten der Insel fast nur Asphalt. Fußlahm schleppen wir uns ein paar Tage später dahin, im Rahmen eines großangelegten Rundgangs, der uns zur Lamakoppel führen soll. Erreichen schließlich das malerische Friesendorf Archsum. Jetzt immer noch zwei Kilometer... Sollen wir lieber umkehren? „Lamas!“ ruft die Reisegefährtin. „Waas?!!“ Fast fühlen wir uns wie Verdurstende in der Wüste beim Anblick der rettenden Oase. Tatsächlich, sechs neugierig gereckte Köpfe, mit diesen unwiderstehlichen Bananenohren, mustern die müden Wanderer. Unsere Kräfte kehren zurück. Rasch ist eine Ansprechpartnerin ermittelt, die uns freundlich die Telefonnummer der Besitzerin überläßt: Eva-Maria Derr hat sich seit drei Jahren aktiv den Lamas verschrieben, züchtet seit einem Jahr selbst. Der Kontakt ist schnell hergestellt, wir verabreden uns zu einem Lama-Spaziergang am nächsten Tag. Wer ist aufgeregter – Yeti, der kräftige weiße Wallach, der mich mit grünem Schlabbermaul, nach einer Extraportion Futter, mißtrauisch beäugt, oder ich, als ich vorsichtig ersten Kontakt zu ihm aufnehme und schließlich die Führleine ergreife? Eva-Maria Derr hält ihre Tiere bewußt auf Distanz. Knuddeln mit Fremden ist nicht – wäre da nicht Mephista, das kesse Schmusestütchen in der Herde – ein wenig fehlgeprägt, wie wir hören, aber ein Quell nicht endenwollender Freude für kraulbedürftige Lama-Fans. Auf dem Spaziergang beantwortet uns Eva-Maria Derr mit nimmermüder Freundlichkeit und großer Fachkompetenz all die tausend mehr oder weniger dummen Fragen, mit denen Kamelidenbesitzer eben immer wieder konfrontiert werden. Wir erregen die Aufmerksamkeit aller Zwei- und Vierbeiner des Dorfes. Leute stehen lachend am Fenster, Kinder kommen ans Tor gelaufen. Der Gute-Laune-Faktor beim Anblick eines Lamas ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Nur zwei Pferde verstehen die Welt nicht mehr und stürmen furchtsam, mit geblähten Nüstern, davon. Yeti steht still und schaut ihnen sinnend nach. Auf schmaler Straße kommt uns ein großes Auto entgegen. „Äh“, meint die kleine Ebla und reißt ängstlich die dunklen Samtaugen auf. Das schokofarbene, hübsche Stütchen ist das zweite Lama, das an unserem Ausflug teilnimmt, und zum ersten Mal so lange zu Fuß unterwegs. Erleichtertes Grasen, als die „Gefahr“ vorüber ist. Die Tiere sind erfreulich unroutiniert. Eva-Maria Derr hat gerade erst begonnen, mit ihnen etwas zu trainieren. Ihr anstrengender Beruf läßt ihr dazu nicht allzuviel Zeit. Auch liegt ihr die Zucht mehr am Herzen. Codopaxi, der schöne, freundliche Hengst, ist ihr ganzer Stolz. Mit ihm hat sie sich sogar schon an den Sylter Weststrand gewagt. Auf ihrer Homepage ist dieses Abenteuer fotografisch dokumentiert. Die Freude bei der Rückkehr zur Koppel ist groß. Auch bei mir. Schließlich war ich das erste Mal mit einem Neuweltkameliden unterwegs, einem Tier, das der normale Stadtmensch, der ich bin, sonst nur im Zoo bewundert – mit all den altbekannten Vorurteilen. Ein kleiner grüner Tupf bleibt auf meinem Anorak zurück. Nein, Yeti hat nicht gespuckt, er, der Schüchterne, hat mich mit seinem immer noch grünen Maul freundlich beschnobert. Ich fühle mich geehrt. Zum Abschluß bleibt festzuhalten: Die an Urlaubsfreuden wahrlich nicht arme Insel ist durch die „Sylt-Lamas“ um einen echten Glanzpunkt bereichert. Der Spaziergang mit Lama fürs nächste Jahr ist fest gebucht. Das haben wir uns geschworen - beim hüpfenden Yeti!
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